Die „Big Brother“-Warnungen und „1984“-Verweise, wenn es um Datenschutz, Videoüberwachung etc. geht, halte ich ja schon lange nur mehr schwer aus. Ja, „1984“ ist ein wunderbares Buch – eines der wenigen, die ich mehr als einmal gelesen habe –, aus dem man auch viel für das wahre Leben mitnehmen kann. Dennoch: Verfasst vor über sechs Jahrzehnten als Vision einer Zukunft, die auch schon bald 30 Jahre hinter uns liegt (wobei sich darüber streiten ließe…), ist es für einen warnenden Hinweis auf Entwicklungen, von denen wir uns heute als Bürger bedroht fühlen (sollten?), weniger geeignet als vielleicht dafür, einfach Geschichte nachzuvollziehen – so wie auch Orwells zweitbekanntestes Werk „Die Farm der Tiere“/„Animal Farm“.

Die oft in einem ähnlichen Zusammenhang genannten Bücher „Schöne neue Welt“/„Brave New World“ von Aldous Huxley (vgl. die Debatte um Wunschkinder/Designer-Babys) oder Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (vgl. Wikileaks/Internet-Zensur/Koran-Verbrennung) halte ich für nachhaltiger und für unsere Welt relevanter. Genau genommen habe ich sogar manchmal den Verdacht, dass jene, die laut und empört auf Orwells angebliches (!) Opus magnum verweisen, das Buch gar nicht wirklich gelesen haben. Aber egal: Das ist nicht mehr als meine höchst subjektive Wahrnehmung.

Ich möchte an dieser Stelle lieber eine Lanze für den anderen, weniger bekannten George Orwell brechen. Für den jungen Mann, der in den frühen 1930er-Jahren monatelang unter Obdachlosen lebte („Erledigt in Paris und London“/„Down and out in Paris and London“), und über deren täglichen Kampf um den nächsten Bissen Brot schrieb; um ein Dach über dem Kopf für die kommende, bitterkalte Winternacht.
Ich möchte den Orwell propagieren, der für eine packende Sozialreportage die Lebensumstände der Bergleute im nordenglischen Industriegebiet schilderte („Der Weg nach Wigan Pier“/„The Road to Wigan Pier“):

Wirklich überraschend sind (…) die immensen horizontalen Entfernungen, die unter Tage zurückgelegt werden müssen. Bevor ich selber unten in einer Kohlengrube war, hatte ich eine vage Vorstellung vom Bergmann, der aus dem Käfig steigt und sich ein paar Yards weiter an einem Kohleflöz an die Arbeit macht. Mir war nicht klar gewesen, daß er, bevor er überhaupt zu seinem Arbeitsplatz gelangt, durch Stollen kriechen muß, die so lang sind wie der Weg von der London Bridge zum Oxford Circus.

Wer Marie Jahodas Marienthal-Studie schätzt, wird „Wigan Pier“ lieben! Nicht zuletzt der zweite Teil des Buchs, in dem der Autor auf den Sozialismus eingeht, macht es schon fast zur Pflichtlektüre eines politisch interessierten Menschen. Der Sozialismus – den man selbstverständlich nicht mit dem Kommunismus, welcher Ausprägung auch immer, gleichsetzen darf, wie es heute oft reflexartig und abwehrend geschieht –, ist nach Orwell, „als weltweites System und aufrichtig angewandt, ein Ausweg“. Weil er nämlich, „auch wenn er uns alles andern beraubte, zumindest sicherstellen (würde), daß wir genug zu essen bekämen“.

Ich gebe mich jetzt nicht der romantischen Peinlichkeit hin, eine sozialistische Gesellschaft zu fordern, in der ich nach aller Wahrscheinlichkeit auch gar nicht zu den Menschen gehören würde, die etwas dazu gewinnen. Darum geht es nicht, sondern – um zum Ausgangspunkt zurück zu kehren – um die Relevanz des Orwell’schen Denkens für unsere Zeit. Und dabei bietet sich an, die folgenden Zeilen aus dem 1937 erstveröffentlichten Buch zu lesen, und sich seinen Teil zur heutigen Politik zu denken:

Natürlich kann man nun einwenden, daß der theoretisch geschulte Sozialist, auch wenn er nicht selber Arbeiter ist, so doch mindestens von einer Art Liebe zu den Arbeitern bestimmt wird. Er bemüht sich, seinen bürgerlichen Status abzuwerfen und auf der Seite des Proletariats zu kämpfen – das muß offenbar sein Motiv sein.
Aber ist es das? Manchmal schaue ich einen Sozialisten an – den intellektuellen, Traktate verfassenden Typ, mit seinem Pullover, dem wirren Haar und den Marx-Zitaten – und frage mich, was zum Teufel wirklich sein Motiv ist. Oft fällt es schwer, an seine Liebe zu irgend jemandem zu glauben, besonders zu den Arbeitern, von denen er am allerweitesten entfernt ist. Das Motiv vieler Sozialisten ist meiner Meinung nach lediglich ein überentwickelter Ordnungssinn. Der gegenwärtige Zustand verletzt sie nicht deshalb, weil er Elend verursacht, und noch weniger, weil er Freiheit verunmöglicht, sondern weil er unordentlich ist; sie verlangen im Grunde danach, die Welt auf etwas wie ein Schachbrett zu reduzieren. (…)

In Wahrheit ist für viele Leute, die sich Sozialisten nennen, die Revolution keine Massenbewegung, der sie sich auch gern zugesellen möchten, sondern sie soll in einer Reihe von Reformen bestehen, die „wir“, die Cleveren, „ihnen“, den Niederen Ständen, auferlegen werden.

Dieser Orwell sei der so genannten (europäischen) „Linken“ ins Parteibuch geschrieben.