Florian Allesch präsentiert uns die Platte mit dem schönsten Cover-Artwork: King Crimson – In The Court Of The Crimson King (1969)

Nachdem ich mir ja schon bei der Auswahl des Themen-Tages zumindest einmal so lange Zeit gelassen hatte, dass mir die liebe Kollegin @DorisChristinaS das „Konzeptalbum“ wegschnappen konnte, wurde mir schon kurz nach Wahl des „Cover-Artwork“-Tages die Schwierigkeit des auf mich zukommenden Auswahlverfahrens klar. Der Musikfreund und Plattensammler soll nun in einigen Tagen (oder in – zugegeben – wenigen Wochen) aus seinen Schätzen nach noch nicht definierten Kriterien das „schönste Cover“ heraussuchen: Dabei hab‘ ich sie doch alle gleich lieb, und schön sind sie auch alle auf ihre Weise, die Dark Side Of The Moon, Master of Puppets‚ oder Heaven and Hells …

Nach vielen Stunden eingängigen Literaturstudiums (1000 Record Covers, Greatest Album Covers, Contemporary Cover Artwork, RockHard-CoverMania, … – alles zu empfehlen und eine prima Ausrede, noch nicht mit der tatsächlichen Suche anzufangen) und intensiver Begutachtung vieler Platten-Frontansichten aus meiner eigenen Sammlung nahm das Ganze aber Formen an.

Letztlich landete ich bei der Auswahl eines sehr besonderen und wundervollen Cover-Artworks einer musikalisch in ihrem Genre sehr bedeutenden, aber im Mainstream insgesamt eher unbekannteren Platte – die natürlich auch musikalisch zu meinen absoluten Favoriten zählt:

  • Artist: King Crimson
  • Title: In The Court Of The Crimson King
  • Date: 1969
  • Label: Polydor Records 2344 093 (W. German Import)
  • Cover by: Barry Godbern

Line Up:

  • Robert Fripp: Guitars
  • Ian McDonald: Reeds, Woodwinds, Vibes, Keyboards, Mellotron, Vocals
  • Greg Lake: Bass Guitar, Lead Vocals
  • Michael Giles: Drums, Percussion, Vocals
  • Peter Sinfield: Words and Illumination

Track Listing:

  • Side 1:
    21st Century Schizoid Man (including Mirrors) … 7:24
    I Talk To The Wind
    … 6:05
    Epitaph
    (including March for No Reason and Tomorrow and Tomorrow) … 8:47
  • Side 2:
    Moonchild (including The Dream And The Illusion) … 12:13
    The Court Of The Crimson King (including The Return Of The Fire Witch and Dance Of The Puppets) … 9:23

Cover

Dieses absolut grandiose Meisterwerk der progressiven Rockmusik ziert ein in intensiven psychedelischen Farben gehaltenes vollformatiges Gemälde des Gesichtsausschnitts eines verzweifelten, schreienden Individuums und verzichtet völlig auf die Positionierung von Bandname, Logo, Plattentitel, …

Der faszinierend-erschreckend-anziehende Eindruck des Artworks wird insbesondere durch die Kombination aus dem ohne Hintergrund, Grundlage oder Ablenkung voll in den Mittelpunkt gestellten Gesichtsausdruck und der aufwühlenden und außergewöhnlichen rosa-blauen Farbkomposition erzielt.

Zum Gesamtbild gehören natürlich die auf den Bildern (Front-Back, Innencover) schön zu sehende Gesichtsverlängerung am Backprint bzw. die in Ausdruck und Farbmischung ganz im Gegensatz zur Frontansicht stehende Figur am Innencover. Insbesondere zur Interpretation der Verbindung dieser beiden Darstellungen zur Musik bzw. zu den lyrischen Konzepten der Platte gibt es viele Meinungen, aber, wie ich noch erläutern werde, wenige konkrete Informationen.

Selbst während der intensiven Beschäftigung mit vielen, vielen besonderen Artworks im Laufe der Suche nach meinem „Meisterstück“ kamen mir nicht viele auch nur ähnlich intensive Bilder zu Gesicht – ein wahrlich besonderes Werk und somit mein „schönstes Cover“.

Geschichte

Artwork-Künstler Barry Godber ist eine tragische Figur in dieser Geschichte, da er zu den Hintergründen dieses außergewöhnlichen Kunstwerks nicht viel erläutern konnte. Er wurde zwar mit dieser Platte in der damaligen Londoner Kunst- und Musikszene zu einem kleinen Star, der „Crimson King“ blieb aber leider sein letztes Werk – er starb kurz nach Veröffentlichung der Platte mit gerade 24 Jahren.

Die daher nur sehr vagen Informationen und undifferenzierten Spekulationen zur Entstehungsgeschichte und Interpretation des Artworks sehen darin jedoch vielfach übereinstimmend eine den Bezug zur psychedelischen und drogengeschwängerten Artrock-Szene Londons herstellende freie Interpretation von Edvard Munchs Der Schrei.

Musik

Natürlich will und muss ich auch auf den musikalischen Inhalt eingehen, wenn auch nur kurz:

Schnell zusammengefasst: In The Court Of The Crimson King war wohl das erste wirklich progressive und damit einflussreichste und bedeutendste Album der Rockgeschichte – und somit auch der Grundstein für ein Genre, und seiner Zeit um Lichtjahre voraus.

Um jetzt nicht in persönliche Lobeshymnen für jede einzelne Note dieser zwischen sechs und zwölf Minuten langen komplexen Wunderwerke abzuschweifen, sei an dieser Stelle ein Auszug zum ersten Song aus einem wundervollen und sehr sachkundigen Review zitiert:

Das Album beginnt mit dem brennenden 23st Century Schizoid Man. Greg Lakes verzerrte, apokalyptische Vocals wurden von einem pulsierenden, chaotischen, um ein Mellotron erweiterten Riff überflutet. Der Song geht dann in ein verstandraubendes, Jazz beeinflusstes Instrumental über, und dies in einem atemberaubenden Tempo, während man erbarmungslos sämtliche Stil- und Genregrenzen übertritt, bevor man wiederum zum Anfang der Strophe zurückgeht. Unglaublicher Stoff, den jeder mal gehört haben sollte, zumindest einmal, bevor man Progressive Rock als Musik für schwerfällige Intellektuelle ohne Sinn für Stil oder Zweckmäßigkeit abtut. Schizoid Man ist Metal bevor Metal überhaupt existierte; und vielleicht der bombastischste Opener (jedenfalls auf jene Zeit bezogen), der je auf Vinyl, CD oder Tape gepresst wurde.
(Dan Pritchard, Metal Observer)

Dieses Werk, bzw. King Crimson in dieser Band-Phase, gilt als wichtige Inspiration und großer Einfluss für Bands wie ELP, Rush, Tool, Dream Theater, … und stellt damit einen unermesslich wichtigen Grundstein für die heutige progressive Musikszene dar.

Persönliches

Für mich ist diese Platte in ihrer faszinierenden Kombination aus Artwork, Lyrik und Musik ein absoluter Meilenstein der Rockmusik, bahnbrechend für das Genre des progressiven Rock und in seiner Gesamtheit ein Highlight meiner Musiksammlung.

Ich bin nach den ersten Kontakten mit progressiven Rockklängen, durch meine sehr bald sehr intensiv werdenden Recherchen, schon relativ früh auf diese „alte“ Platte gestoßen, hab‘ somit sehr schnell eine CD davon gehabt, aber durchaus eine Weile gebraucht, bis ich sie vollständig erfasst hatte und sie zu meinen Lieblingen zu zählen begann.

Inzwischen steht das Meisterwerk in mehreren Versionen als CD, DVD-A, LP und neu gemasterte Sonderedition – ich weiß, völlig irre, aber bin halt Sammler 😉 – bei mir zu Hause.

Zum Abschluss will ich es mir aber auch nicht nehmen lassen, noch ein paar andere grandiose Cover zumindest zu erwähnen:

  • Pink Floyd – Dark Side Of The Moon
  • The Beatles – White Album, Sgt. Pepper
  • Jethro Tull – Thick As A Brick
  • The Velvet Underground – The Velvet Undergound & Nico
  • The Rolling Stones – Sticky Fingers
  • Black Sabbath – Last Supper
  • Deep Purple – In Rock

So genug geschwafelt … ich geh jetzt die Platte auflegen, „sie sieht mich schon so verzweifelt an“ 😉

Über den Autor: Florian Allesch arbeitet im Bereich Medien/Kommunikation bzw. als Sozialarbeiter, schreibt für einige Online-Musikmagazine und darf eine relativ umfangreiche Plattensammlung mit Fokus auf den Rock-/Metal-Bereich sein Eigen nennen. FA on www, Xing, Facebook, Twitter & Last.fm.

King Crimson: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle. Florian Allesch war bereits mit einem Text zu Tag 5 mit dabei.