Eine wirklich miese Platte meiner (einstigen) Lieblingsband: Rage Against The Machine – Renegades (2000)

Wenn deine Lieblinge, deine Jugendhelden – deine Idole! – Scheiße produzieren, dann gibst du’s nicht gerne zu. Dann versuchst du, den Mist so gut es nur geht zu verteidigen, betreibst Selbstverleugnung bis du dich selbst rhetorisch in die Ecke gedrängt hast. Aber, mal ehrlich: Scheiße muss man Scheiße nennen.

Wenn Künstler neue Wege gehen, muss man als Fan versuchen, um die Ecke zu denken, so gut es eben geht. Manchmal öffnen deine Heroes dir die Augen, auch wenn es Jahre geht. So habe ich die Qualitäten von Host, dem 1999er-Output von Paradise Lost, sehr lange nicht zu schätzen gewusst. Obwohl ich erst 1997, mit One Second, auf die Band aufmerksam geworden bin, auf dem sich der Weg vom Goth-Metal zum Goth-Pop der Marke Depeche Mode bereits abgezeichnet hat, gefiel mir Host anfangs überhaupt nicht. Ich gebe auch zu, dass ich die CD bis heute nur als Freundschaftskopie besitze. Aber, wie ich gerade in diesen Minuten wieder feststelle: Es ist bei Gott keine schlechte Musik, und schon gar keine Depeche-Mode-Kopie, wie böse Zungen immer wieder behaupten.

Dennoch: Mit Ausnahme des direkten Nachfolgers Believe In Nothing (2001) sind alle späteren und fast alle früheren Alben der Band besser. Bei den früheren mache ich auch nur deshalb Abstriche, weil ich mittlerweile nur mehr selten auf die wirklich heftige Death-Metal-Mucke abfahre, die auch Paradise Lost auf dem Debüt Lost Paradise und auf dem wegweisenden Gothic zu spielen pflegten. Wenn ich jedoch nur ein Album der Band mit auf die berühmte Insel nehmen dürfte, es wäre wohl Draconian Times (1995), das die Bandbreite der britischen Metaller sehr eingängig und verdammt gut produziert widergibt.

Nicht wirklich toll ist auch Green, das Album, das R.E.M. 1988 heraus brachten; was um so erstaunlicher ist, als 1987 mit Document ihr absolutes Meisterwerk erschienen ist – zumindest für mich –, und sie ab 1991 mit dem nicht weniger grandiosen Out Of Time zu wirklichem Weltruhm aufstiegen. Document hatte mit It’s the End of the World as We Know It (And I Feel Fine) und The One I Love zwei noch heute sehr bekannte Hits, und bei Losing My Religion und Shiny Happy People von der 91er-Platte brauche ich wohl niemandem, der älter als 25 ist, viel zu erklären – und dabei sind das längst nicht die besten Songs dieser Platten.

Natürlich gibt es Leute, die Automatic For The People (1992) oder auch New Adventures In Hi-Fi (1996), zwei absolut grandiose Platten, mehr schätzen – wobei ich das Zwischenwerk Monster (1994) nach wie vor für R.E.M.s beste Scheibe der 90er halte; über die 00er-Jahre sollten wir eher schweigen: Einzelne tolle Songs und viele, viele Füller. Green jedoch hätte nach heutigem Wissensstand eine absolute Über-Hammer-Platte werden müssen. Abgesehen von zuckersüßen Popsongs wie Stand und Orange Crush, zwei passablen Hits, ist aber nicht viel interessantes auf dieser (noch dazu nicht wirklich toll produzierten) Platte zu finden. Schade.

Andere Bands meiner Jugend wie Life Of Agony, Soundgarden und die Smashing Pumpkins hatten sich rechtzeitig aufgelöst, bevor es bergab ging; LOA und die Pumpkins legten Jahre später einmal eine passable und einmal eine furchtbare Comeback-Platte hin; Soundgarden-Sänger Chris Cornell – der Masse wohl vor allem mit seinem James-Bond-Titelsong, einem auch schon nicht mehr so tollen Rock-Standard, bekannt – machte mit Audioslave ganz nette (auf dem ersten Album sogar grandiose) Rock-Musik, ruinierte seinen Ruf als ernstzunehmender Musiker jedoch spätestens mit seinem dritten Soloalbum, das ihn auf die Pfade eines Justin Timberlake für ganz Arme tappsen ließ. Es besteht Hoffnung, dass die seit einigen Monaten laufende Reunion der alten Truppe wieder zu einer anständigeren Platte führt – ich würd‘ mich freuen.

All die genannten Bands haben jedoch mit ihren Ausfällen nicht so sehr an ihrer grundsätzlichen Genialität zweifeln lassen wie Rage Against The Machine mit ihrem 2000er-Output Renegades, einer Abschiedsplatte. Freilich, auch RATM gibt es wieder – sie touren fleißig durch die Festivals der ganzen Welt, rufen überall „Revolution“ und machen sich damit lächerlich; rocken auch sicher ganz passabel; bei einer neuerlichen Plattenaufnahme würde ich jedoch eher auf eine ganz große Enttäuschung wetten. Wie sie eben schon Renegades war, das reine Cover-Album, das herauskam, als die Band bereits ihre Auflösung bekannt gegeben hatte.

Natürlich, die ganzen alten Rap-, Folk- und Pop-Hadern auf Crossover zu trimmen klang vielversprechend. Und es gibt auch einzelne Lichtblicke wie Renegades Of Funk (im Original von Africa Bambaata), How I Could Just Kill A Man (Cypress Hill) oder das wirklich cool rockende Pistol Grip Pump (Volume 10). Aber schon Kick Out The Jams von MC5 kommt nicht über 08/15-Rock heraus – da bringen Eddie Vedder und Pearl Jam (hier mit der Hilfe von Jerry Cantrell) schon einen Haufen mehr Seele rein. Wie überhaupt den späteren RATM-Outputs die Seele fehlte, das fiel schon bei The Battle Of Los Angeles (1999) auf – man vergleiche dazu das tolle Debüt und das so unglaublich perfekte Evil Empire (1996).

Und Renegades? Verhunzt Bruce Springsteens The Ghost Of Tom Joad, vergeht sich am Street Fighting Man der Rolling Stones und schafft es bei Maggie’s Farm sogar, mit einem Bob-Dylan-Cover schlecht auszusehen. Warum ich die Platte noch im Regal stehen habe? Reine Nostalgie.

PS: Wenn ich das Ganze nun seit Jahren das erste Mal wiederhöre: Also Renegades Of Funk ein Dutzend Mal hintereinander ist wirklich interessanter als das ganze Renegades-Album.

Über den Autor: (mad) gehört dieser Blog.

Rage Against The Machine: Website Myspace Amazon

Dieser Text entstand im Rahmen des Gemeinschaftsprojekts „31 Tage – 31 Platten“. Mehr dazu gibt es an dieser Stelle.