Ich mag die Schweizer – nicht zuletzt wurde ich in meinen frühen Wiener Tagen immer wieder selbst für einen gehalten. (Ja, das kann man sich zehn Jahre später gar nicht mehr vorstellen, ich weiß.)

Hier im Osten meinte man früher ohnehin, dass so gut wie alle Vorarlberger zum Hackeln in die Schweiz gingen. Es waren wohl auch einmal eine ganze Menge – aber so wie noch vor dreißig Jahren rentiert sich das heute nicht mehr. Mittlerweile werden die Österreicher dort zum Teil ja schon weggeschimpft: „Ihr nehmt uns unsere Arbeitsplätze weg“, das sei kein so seltener Vorwurf, wie ich mir habe sagen lassen. Von daher haben diese Vorarlberger Grenzgänger wohl einen Eindruck davon, was hierzulande Türken, Serben, Kroaten etc. durchmachen müssen. Unangenehm, aber nicht uninteressant.

Nun haben die Schweizer (ein Jahr nach dem Minarettverbot 2009) wieder einmal übers Ziel hinaus geschossen, in dem gestern die „Ausschaffung krimineller Ausländer“ in einer Volksabstimmung eindeutig befürwortet wurde. (Wenn man die 52,9 Prozent „Ja“-Sager in Relation zur Wahlbeteiligung von 52,6 Prozent sehen würde, wären es zwar nur noch gut 28 Prozent der Schweizer/innen, die so votierten, doch damit schafften wir auch die demokratischen Wahlwerkzeuge ad absurdum. Aber erwähnt soll es sein.)

Kern des Anliegens (den Wortlaut gibt es hier als PDF) ist, dass kriminelle Ausländer/innen – es geht vor allem um schwere Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung – künftig ohne wenn und aber des Landes verwiesen werden sollen. Samt Rückkehrverbot, versteht sich. Ob vor oder nach einem entsprechenden Gerichtsverfahren ist gar nicht so einfach heraus zu finden, aber darum wird sich das Gros der Befürworter/innen eher nicht kümmern – da sind Herr und Frau Schweizer manchem Gesinnungsgenossen hierzulande ähnlich.

Selbstverständlich will niemand Schwerverbrecher der erwähnten Art in seiner Nähe haben – „aus den Augen, aus dem Sinn“ scheint gar keine so schlechte Idee. Tatsächlich ist es halt so, dass für viele Bürger/innen die Gleichsetzung von Ausländer/innen mit Verbrecher/innen als zentrale Botschaft übrig bleibt. Sei’s drum: Hugh, ihr habt gesprochen.

Ich möchte an dieser Stelle an den guten alten Max Frisch erinnern, der stets so angenehm unschweizerisch-schweizerisch seine Heimat und deren ständige Insassen analysierte – und dabei das Folgende 1966 unter dem Titel „Fremdenhaß“ feststellte:

Fremdenhaß ist natürlich. Er entspringt unter anderem der Angst, dass andere in dieser oder jener Richtung begabter sein könnten; jedenfalls sind sie anders begabt, beispielsweise begabter in Lebensfreude, glücklicher. Das weckt Neid, selbst wenn man der Bessergestellte ist, und Neid ist erpicht auf Anlässe für Geringschätzung. Man ist tüchtig, aber nun zeigt sich, daß andere es auch sind: aber ohne die Missmutigkeit, die wir nördlich der Alpen als Voraussetzung oder schon als Beweis von Tüchtigkeit zu betrachten gewohnt sind. Daß die Südländer schmutzig sind, das ist eine Hoffnung, dann sind wir, wenn wir in dieser Welt nicht singen, dafür wenigstens sauberer; aber nicht einmal diese Hoffnung bestätigt sich ohne weiteres: ein Landarzt versichert mir, dass die Italiener, im Gegensatz zu einheimischen Kunden, mit gewaschenen Füßen kommen. Von Rassenhaß in der Schweiz, wie es in italienischen Zeitungen heißt, würde ich nicht sprechen; Fremdenhaß genügt. Das ist keine Ideologie, sondern ein Reflex. (…) Insofern ist jede Messerstecherei eigentlich willkommen; da sieht man’s wieder, daß man besser ist. (…) Aber auch wenn die Fremden, wie es sich für Fremde gehört, sehr brav sind, etwas bleibt schwierig: sie sind da. (…) Die Konfrontation mit einer anderen Lebensart, das irritiert jenes Selbstbewußtsein, das der Einzelne bezieht aus dem sakrosankten Eigenlob eines nationalen Kollektivs.

Max Frisch, Überfremdung 2. In: Öffentlichkeit als Partner, Edition Suhrkamp 209. Zitiert nach: Max Frisch, Stich-Worte. Ausgesucht von Uwe Johnson. Suhrkamp Taschenbuch 2728, S. 187 ff.

(Und dass ja keiner auf die Idee kommt, eine Initiative zur „Ausschaffung krimineller Ausländer“ hätte bei uns keine Chance.)