Weniger objektiv als in den Jahresbestenlisten geht es wohl nur noch bei der Besetzung der ÖBB-Chefposten zu. Demzufolge bitte ich von all zu großer Enttäuschungsbekundung Abstand zu halten, interessiere mich aber ernsthaft für die Empfehlungen meiner lieben Leserinnen und Leser: Was habe ich 2010 verpasst (oder nur nicht erwähnt)? Was legt ihr mir ans Herz? Ich bin gespannt!

Nun aber zu meinen Top-10-Platten:

1. Selig – Von Ewigkeit zu Ewigkeit: Es „darf festgestellt werden, dass die Band mit diesem Album so gut wie alles, was Selig ausmacht, in 16 Tracks (…) unterbringt: Ohrwürmer, sperrige Rocker, Jam-Sessions, funky Riffs, Balladeskes. Und dabei sogar noch Neues einfließen lässt – am deutlichsten etwa, wenn Wirklich gute Zeit mit einer Mundharmonika eingeleitet wird“ – das habe ich im Rahmen meiner Hommage an diese wunderbare Band schon vor einigen Wochen geschrieben. „Wer sich auf diese Platte einlässt, erlebt Plewka und Co. in ungewohnter Leichtigkeit, und zugleich auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Highlights: Dramaqueen, Hey Ho, Doppelgänger, Du fährst zu schnell (das neue Bruderlos?) und Ausgang. (…) Chapeau!“ Dem ist nichts hinzu zu fügen. Platte des Jahres – Konzert des Jahres (25.11. im WUK).

2. Joanna Newsom – Have One On Me: Ich habe nicht daran gezweifelt, dass mit diesem Dreifach-Album (!) etwas Besonderes daher kommt. Nach Ys aus 2006 legt Newsom die Latte in jeder Hinsicht höher: Songwriting, Gesang, Harfenkunst, Arrangements, Leidenschaft und Texte – alles passt. Natürlich, die 18 Stücke sind eine Herausforderung, das Album braucht Aufmerksamkeit und Zeit. Aber man wird reichlich belohnt dafür. Anspieltipp: Good Intentions Paving Company

3. Seventh Void – Heaven Is Gone: Die Überraschung des Jahres! Im Vorprogramm von Monster Magnet (5. Dezember, Arena Wien) entdeckt, hat mich die Band – der zwei ehemalige Mitglieder von Type O Negative angehören – schlicht weggeblasen. Das Album musste her, und siehe da: Wenn Grunge eine Zukunft (und Gegenwart) hat, liegt sie in dieser Band! Möge das (eventuell?) zu erwartende Comeback-Album von Soundgarden nur halb so lebendig, halb so fett, halb so groovy klingen wie dieses Machwerk, und ich bin zufrieden. Anspieltipp: Heaven Is Gone

4. Grinderman – Grinderman 2: Zufällig bin ich über die Vorab-Single zu diesem Monster von einer Platte gestolpert, Heathen Child, und habe sie mir gleich bestellt. Nick Cave war ja nie so mein Fall – ich mag ihn, aber nicht über die Länge einer Platte –, DAS jedoch ist schlichtweg genial. Hier wird gejault, gekrächzt, hier poltert und knarrt es in jeder Sekunde. Und was die Riffs betrifft, müssen sich Grinderman nicht hinter den Queens Of The Stone Age verstecken… Großartig! (Das Wiener Konzert am 10. Oktober musste ich leider, leider auslassen.)

5. Deftones – Diamond Eyes: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die Deftones nochmals auf das Niveau ihres 2000er-Albums White Pony hinauf kommen – aber diese Platte ist der legitime Nachfolger dieses Über-Albums. Das habe ich bereits zur Veröffentlichung festgestellt: „Birgt der Titeltrack noch die Frage, wohin die Reise gehen soll, so ist bereits bei Royal klar, dass das Ziel diesmal nicht wie bei den zwei Vorgängern aus den Augen verloren wird. Cmnd/Ctrl ist ein erster Höhepunkt, der die Essenz der Band auf gut zweieinhalb Minuten wunderbar komprimiert: Wer diesen Song nicht mag, kann die Deftones ruhigen Gewissens unter ferner liefen abtun. You’ve Seen The Butcher stellt, obwohl gar nicht still, eine Art Ruhepol, eine erste Säule dar – man muss es wohl hören, um dies zu verstehen –, und die darauf folgenden Songs Beauty School, Prince (das sich stark an RX Queen anlehnt) und Rocket Skates hätten genau so auf White Pony Zuflucht gefunden.“

6. Stone Temple Pilots – Stone Temple Pilots: Nach der ersten Euphorie bleibt der Eindruck eines starken, selbstbewussten Comebacks und der Wunsch, es möge diesmal weniger als neun Jahre bis zur nächsten Platte der Jungs dauern. An die ersten vier Platten kommt das Ding nicht ran, mit dem 2001er-Album Shangri-La Dee Da können sich aber fast alle Songs messen. So stellte ich im Frühsommer fest: „Die Stone Temple Pilots bringen mit ihrem selbstbetitelten sechsten Album vor allem einmal ein unglaubliches Gefühl der Leichtigkeit rüber, und arbeiten darüber hinaus mit vielen Pop-Zitaten. Insbesondere die Reminiszenz im Opener Between the Lines löste einige Diskussionen aus: Der Mittelteil wurde bei Nirvanas Stay Away abgekupfert – und das kann nur Absicht sein. Daneben werden Erinnerungen an Bob Dylan wach (in der Strophe zu Hickory Dichotomy), die Beatles scheinen in Dare If You Dare und Maver durch, Coldplay werden in der Gitarrenmelodie zum Refrain in Cinnamon zitiert – und Weiland-Liebling David Bowie stand ganz klar Pate für First Kiss On Mars.“

7. The Dead Weather – Sea Of Cowards: Eigentlich als Verlegenheitsgeschenk für einen Geburtstag gekauft, hab ich die CD dann schlussendlich behalten. Ähnlich Nick Cave konnte ich Jack White bisher wenig abgewinnen. Selbstverständlich zuckte es auch mich ab und zu in den Beinen, wenn die White Stripes zu hören waren – aber eine Platte von denen hätte ich mir bisher nicht kaufen wollen. Nach dem zweiten Dead-Weather-Album ist alles anders: Die Scheibe rockt wie Sau, Songs wie Hustle And Cuss, Die By The Drop oder Jawbreaker muss man gehört haben.

8. Monster Magnet – Mastermind: Ein weiteres Comeback, auch wenn seit der letzten Platte nur drei Jahre vergangen waren. Jedoch klangen Monster Magnet seit den 90er-Jahren nicht mehr dermaßen frisch – was auch live zu beobachten war. Toller, atmosphärischer Einstieg mit Hallucination Bomb, erste Höhepunkte mit Dig That Hole und Gods And Punks, weitere Gänsehaut-Rocker mit 100 Million Miles und Perish In Fire, und einer der Top-5-Monster-Magnet-Songs mit Ghost Story. Willkommen zurück!

9. Therapy – We’re Here To The End: Wie oft habe ich diese Band eigentlich schon live verpasst? Wahrscheinlich an die fünf Mal, dass Andy Cairns & Co. in der Stadt waren – und ich nicht dabei… Hiermit legen die drei Iren ein Doppel-Live-Album vor, das ich als ausgesprochener Live-Alben-Skeptiker wärmstens empfehlen kann. Nicht alles klingt gut darauf, aber es klingt stets authentisch. Therapy? kommen genau so räudig und dreckig rüber, wie sie sind. Guter Stoff!

10. Trent Reznor & Atticus Ross – The Social Network (Soundtrack): Ich zweifle daran, dass man den Film gesehen haben muss, aber zeitweise hätte es mich nur aufgrund dieses Soundtracks gereizt, ins Kino zu eilen. Eine feine Rückkehr des Nine-Inch-Nails-Chefs samt Langzeitgehilfen. Wer die ganz frühe und die ganz späte Phase dieser Band mag, ist hiermit gut bedient. Rockt!  (Kurzrezension: hier.)

Weiters gehört:

Filter – The Trouble With Angels: Eine weitere Enttäuschung nach Album drei und vier. Das wird nichts mehr mit Filter.

Helmet – Seeing Eye Dog: Die ersten beiden Platten des Helmet-Comebacks liebe ich. Diese ist zumindest eine schwere Geburt… ordentlich, aber nicht ganz auf dem üblichen Niveau. Vielleicht wächst sie noch?

Kings Of Leon – Come Around Sundown: Nicht so toll, wie sie sein könnte. Ihre fünftbeste Platte.

Korn – Remember Who You Are: Ein mittelmäßiges Korn-Album ist ja mittlerweile schon ein echter Glücksfall. Die waren mal wirklich innovativ. Und sind nun seit mehr als zehn Jahren schon wirklich bedauernswert. Arme Millionäre.

Prince – 20TEN: Beilage zum Rolling-Stone-Magazin. Nicht seine beste, nicht seine schlechteste Platte

Slave Called Shiver – Superlateral: Tolle österreichische Band, deren Debütalbum ich von Zeit zu Zeit sehr gerne auflege.

Soundgarden – Telephantasm: „Nur“ eine Best-of, aber das ist schon mehr, als man noch vor einem Jahr erwarten durfte. Soundgarden touren wieder – vielleicht auch irgendwann in Österreich? –, und die Hoffnung auf ein wirklich neues Album lebt. Als Zusammenschnitt der knapp zehnjährigen Bandkarriere taugt das Doppelalbum, wenngleich es sehr inhomogen wirkt. Mehrwert bietet vor allem die DVD der erweiterten Version: Alle Videoclips, teils in verschiedenen Versionen. Grunge!

Tricky – Mixed Race: Nomen est omen! Ein wahres Durcheinander an elektronischen Sounds, jedes Stück für sich eine Perle – aber als Album insgesamt etwas zerstückelt. Dennoch: Mehr von diesem Mann!

Hoffnungen für 2011:

Pearl Jam – Live On Ten Legs (14. Jänner)

R.E.M. – Collapse Into Now (7. März)

J Mascis – Several Shades of Why (15. März)

dEUS – neues Album?

Soundgarden – neues Album?

Meine literarische Jahresbestenliste folgt morgen.