Ich habe mich nie an die Bettlermasse in Wien gewöhnt. Vielleicht braucht man, vom Land kommend, auch mehr als eine lausige Dekade, um sich mit dem Elend dieser Männer, Frauen und Kinder abzufinden. Natürlich: Viele der Bettelnden in unserer Stadt haben es immer noch besser als jene Kinder, die etwa in Buenos Aires kurz nach der Abenddämmerung aus allen Ecken herbei strömen und die Mülltonnen nach Essbarem oder Spielsachen durchwühlen. Dennoch gibt einem die Not dieser Menschen in einem der reichsten Länder der Welt gerade in der Vorweihnachtszeit sehr zu denken. Es betrübt, dass man ihnen nicht allen helfen kann.

Vor wenigen Tagen, als mich eine junge Frau in der U-Bahn um Geld bat (ich bin ihrem Wunsch nicht nachgekommen und wurde heftig verflucht), ist mir aufgefallen, wie selten ich zuletzt in diese Situation gekommen bin. Zieht das Wiener Bettelverbot dermaßen gut? Haben bedürftige Wienerinnen und Wiener, haben unterstützenswerte Gäste dieser Stadt mittlerweile Angst vor den Konsequenzen ihrer Hilfesuche? Wird seitens der Bessergestellten fleißig denunziert und der Polizeiapparat zur Unterstützung gegen die unangenehme Bedrohung angefordert? – Bis vor eineinhalb, vielleicht zwei Jahren bin ich jedenfalls auch deutlich öfter in den Genuss musizierender Gruppen in der U-Bahn gekommen. Nicht immer war das schön anzuhören – aber meist unterhaltsam. Nicht immer habe ich etwas gegeben, wenn der Hut oder Kaffeebecher herum ging – aber dennoch stets in freundliche Gesichter geblickt.

Der „Trick“ mit der Rose zog auch längst nicht mehr bei mir, wenngleich die Mädels und Jungs auf der Mariahilfer Straße allesamt erstaunlich traurig schauen können. Direkt neben dem Bankomaten zu sitzen und grimmig-fordernd – aber stumm – die Geld behebenden Menschen zu beobachten stellt meiner Meinung nach auch keine besonders gute Strategie der Bettelei dar. Am liebsten gab ich immer, wenn der empfangende Mensch sichtbar versuchte, auf irgendeine kreative Weise Aufmerksamkeit zu erregen: Das Aufspielen mit einem Instrument, der Verkauf von selbst gebastelten (wenngleich meist nutzlosen) Dingen, oder meinetwegen einer zwar an den Haaren herbei gezogenen, aber unterhaltsamen Geschichte. Aber was kann eine/r dafür, der/die kein solches Talent besitzt?

Sogar die Ehrlichkeit, sich mit dem abgebettelten Geld ein Bier kaufen zu wollen, habe ich immer wieder mit kleinen Gaben belohnt. (Nicht jedoch die geplante Investition in Zigaretten.) Wohingegen ich stets ein Problem mit bettelnden Jugendlichen hatte, die offensichtlich ihr ganzes Geld im Piercing-Studio oder dem Friseur-Salon ums Eck gelassen hatten und deren Ramones– oder „Punks Not Dead“-T-Shirt offensichtlich frisch aus dem nahen In-Store stammte – während ich etwa darauf hoffte, dass meine Turnschuhe bitte noch bis zum Ende des Sommers halten würden, weil sonst… (Das ist noch gar nicht so lange her.)

Eine Warnung sei an dieser Stelle angebracht: Wenn euch Nähe Westbahnhof bzw. Mariahilfer Straße eine langhaarige, dunkelblonde Frau um die 30 begegnet – gut gekleidet, durchschnittlich gut aussehend, mit fetter Make-up-Schicht –, die euch um ein, zwei Euro für ein Zugticket anhaut, dann ist das eine ganz große Lüge. Das Bettelverbot würde in diesem Fall aber kaum greifen: Sie ist durch und durch einheimisch und gehört definitiv keiner der oft zitierten „Bettlerbanden aus dem Osten“ an. Den Bettel-Schwindel betreiben die Österreicher/innen doch noch am liebsten selbst.

Ansonsten: Möge sich die Bettelei durch allumfassenden Wohlstand erübrigen, oder in ihren sympathischsten Ausprägungen die Stadt künftig wieder mit Leben erfüllen.