Das ist schon ein gelungener Kunstgriff: Nachdem Franz Kabelka seinen über drei Bücher lieb gewonnenen Chefinspektor Tone Hagen ins literarische Aus geschickt hat, führt er in seinem aktuellen Krimi gleich gar keinen Ermittler mehr ein. Weder Polizist noch Detektiv, auch kein Pfarrer, keine Pensionistin, gelangweilte Hausfrau oder findige Jugendgruppe kümmert sich hier ernsthaft um die Aufklärung zweier nicht ganz alltäglicher Todesfälle.
Einzig der seiner Kirche abtrünnig gewordene ehemalige Franziskanerpater Edgar hebt mehr als eine Augenbraue, als er von den Vorkommnissen in dem Fitnessstudio hört, das er seit einigen Jahren betreibt. Dazu muss aber erst einige Zeit vergehen, die er nach einer schweren Kopfverletzung im Krankenhaus verbracht hat. Gute drei Wochen fehlen ihm: Gedächtnislücke.

So muss sich Edgar noch einmal durch das allgemein bereits als unglücklicher Zufall Akzeptierte kämpfen; verbildlicht sich das schon einmal Erfahrene bzw. Miterlebte – und informiert sich per Überwachungskamera, über Erzählungen seines Teams und der wenig betrübten Hinterbliebenen der beiden Toten, Otto Bell und Johannes Reichert, über die Umstände ihres Ablebens: kurz nacheinander, in seinen vier Wänden. Dass auch Edgar selbst die beiden nicht wirklich mochte, ist ihm bewusst – nur weiß er nicht mehr, warum. Was also hat sich in diesen drei Wochen seines geistigen Verlustes abgespielt?

Mit Rückblenden aus unterschiedlichen Perspektiven und über verschiedenste mediale Kanäle führt der Autor seine Leser geschickt an die Lösung jener Fragen heran, die sie sich – genau wie die mäßig sympathische Hauptperson – immer dringender stellen. Im Verlauf des chronologischen Zickzack-Kurses geraten immer mehr Personen unter Tötungsverdacht, wobei sich der – man bedenke den fehlenden Ermittler! – stets nur im Versuch der Erinnerung Edgars an seinen Unfall und die Zeit danach auftut; nicht als aktive Vermutung, sondern mehr als ferner Gedankenblitz; als überbewusster Schleier der Wirklichkeit.

Eingebettet in zeitgeschichtliche Diskurse über das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den Nationalsozialisten, über den typisch österreichischen Umgang mit dem „braunen“ Erbe und eine neue, durchaus kirchenkritische Sicht auf die Missbrauchsfälle der jüngeren Vergangenheit, schafft es Franz Kabelka einmal mehr, einen modernen Krimi für Leute zu schreiben, die mit Krimis eigentlich wenig anfangen können. Ein Kunststück. Ein Lesegenuss. Eine Empfehlung!

Am 14. November 2011 liest der Autor ab 20.00 Uhr auf der Krimibühne im Lokal „Wien drei“ (1030 Wien, Marxergasse 7) aus dem besprochenen Buch. Telefonische Reservierung unter 01/710 31 59. Ich plane, dort auf meinen Geburtstag anzustoßen 🙂

Franz Kabelka: Jemand anders, Haymon 2011

Aktuelle Ö1-Lesung des Autors zum Download auf seiner Website

Textprobe aus „Jemand anders“

Mein Interview mit Franz Kabelka, geführt im Juli 2010: „Ich möchte euren Dialekt nicht versauen“

Kurz-Rezension der Tone-Hagen-Trilogie

…und ein weiterer Krimi, der die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche thematisiert: Wolfgang Bergmanns „Die kleinere Sünde“